Interview mit ZDH Präsident Kentzler: „Was erwartet die Wirtschaft von Schulabgängern und Studenten?“ diese Frage hat BILD-online Spitzenvertretern der verschiedenen Wirtschaftsbereiche gestellt. Für Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, steht eine Erwartung ganz oben: Bewerber müssen Motivation für die Ausbildung im gewählten Beruf mitbringen.

Was erwartet die Wirtschaft von Schulabgängern?

Kentzler: „Das Handwerk erwartet, dass Ausbildungsplatzbewerber Engagement und Begeisterung für den gewählten Beruf mitbringen. Die Motivation ist ganz entscheidend für den Ausbildungserfolg. Motto: Wer wirklich will, der wird auch was. Wer Eigeninitiative zeigt, der wird in der Regel auch belohnt. Also: Schon während der Schulzeit bei der Berufsorientierung mitmachen, um die Berufe kennen zu lernen. Und frühzeitig Praktika vereinbaren. Wer sich da reinhängt, dem ist eine Lehrstelle so gut wie sicher, unabhängig von den Zeugnisnoten.“

Wer kann eine Ausbildung im Handwerk beginnen?

Kentzler: „Das Handwerk ist für alle offen. Hauptschüler besetzen nach wie vor die Hälfte der Lehrstellen im Handwerk. Immer wieder gibt es Beispiele für Jugendliche, die ihre Stärken erst in der Ausbildung entdecken und vom Hauptschulabschluss über eine gute Gesellenprüfung bis zum Handwerksmeister und Unternehmer aufsteigen oder sogar die neue Chance zum Studium mit Meisterbrief nutzen. Sie sind der beste Beweis für die Aufstiegsmöglichkeiten, die die berufliche Bildung bietet.“

Gilt die Offenheit auch für Migranten?

Kentzler: „Welchen Stellenwert Migranten im Handwerk einnehmen, beweisen die Zahlen: Etwa jeder fünfte Mitarbeiter hat eine Zuwanderungsgeschichte. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland 33 Prozent aller Auszubildenden mit ausländischem Pass im Handwerk ausgebildet. Der Anteil bei den Auszubildenden mit ausländischen Wurzeln ist nach Schätzungen mindestens ebenso hoch.“

Die Wirtschaft klagt oft über schlechte Schüler. Ihre Erfahrungen?

Kentzler: „Mangelnde Ausbildungsreife bleibt ein Problem und damit ein Thema für den Pakt zur Fachkräftesicherung. Gerade von den Ländern erwarten wir hier noch effektiveren Einsatz. Immerhin bessert sich die Lage langsam – aktuell sinkt der Anteil der Jugendlichen eines Jahrgangs, der keinen Schulabschluss hat.“

Hat die berufliche Bildung Zukunft?

Kentzler: „Der Stellenwert der beruflichen Bildung in Deutschland muss wieder steigen. Dem Trend zur „verschulten“ Ausbildung stellt das Handwerk offensiv die Stärken der beruflichen Bildung gegenüber. Im Handwerk lernen die Jugendlichen im Betrieb unter regulären Arbeitsbedingungen die im Berufsleben so wichtigen sozialen Tugenden – Pünktlichkeit, Höflichkeit gegenüber Kollegen und Kunden, Fleiß, Übernahme von Verantwortung usw.“

Quelle: Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH)