Bauwirtschaft und privater Konsum dürften die deutsche Wirtschaft 2012 vor der Rezession bewahren. Insbesondere die starke Exportorientierung erweist sich hingegen als Achillesferse: Die Euro-Schuldenkrise und die Abkühlung der Weltkonjunktur führen zu einem noch drastischeren Abschwung der deutschen Konjunktur als bislang erwartet. Das sagen das Münchner ifo Institut und das Hamburger HWWI voraus. Sie senkten ihre Prognosen am Mittwoch für 2012 drastisch. Nur noch 0,4 Prozent Wachstum nach voraussichtlich 3,0 Prozent in diesem Jahr erwartet ifo. Ähnlich fällt die Einschätzung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut aus. Das HWWI rechnet aufgrund der verschärften Schuldenkrise im Euroraum für das kommende Jahr nur noch mit einem Wachstum von 0,5 Prozent.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn erwartet für Deutschland im Gegensatz zu den anderen großen Euro-Ländern aber keine Rezession: „Wir fahren nicht gegen die Wand. Es geht glimpflich ab. 2008 wird sich nicht wiederholen.“ Die Ökonomen schrauben damit ihre Prognose im Vergleich zur Vorhersage von 0,8 Prozent aus dem Gemeinschaftsgutachten führender Institute vom Oktober noch einmal herunter. Die Bundesbank hatte ihren Ausblick vor wenigen Tagen von ursprünglich 1,8 Prozent auf 0,6 Prozent reduziert. Die Bundesregierung geht noch von einem Prozent Wachstum aus.

Konsum und Bauwirtschaft als Hauptstützen

Die Schuldenkrise bremse das Wachstum aus, vor allem der Export leide. Die Risiken seien groß wie nie zuvor, denn niemand wisse, was die Politik noch vorhabe, ob es nun um Eurobonds oder die Politik der Europäische Zentralbank (EZB) gehe. Der jüngste EU-Gipfel habe die Verunsicherung nicht beseitigen können. Den Rettungsanker für Deutschland sieht das ifo vor allem im Immobilienboom, auch die privaten Verbraucher stützen die Konjunktur, sagt das HWWI.

„Der Bau wird verhindern, dass Deutschland in die Rezession schlittert“, sagte Sinn in München. „Wir haben historische Tiefstände bei den Zinsen, es war noch nie so günstig zu bauen.“ Das HWWI macht als Konjunkturstütze daneben weiter den privaten Konsum aus, der von der guten Arbeitsmarktlage und der günstigen Einkommenssituation gestützt werde. ifo erwartet für 2012, dass die Arbeitslosenzahlen sogar nochmal um 140.000 auf rund 2,8 Millionen sinkt.

Exporte dürften einbrechen

Noch sei die Stimmungslage der Unternehmen verhalten optimistisch, schilderte Sinn die aktuelle Lage. Allerdings greife die Schuldenkrise mehr und mehr auf die Realwirtschaft über, erklärte das HWWI. Mehr als Stagnation sei in der ersten Jahreshälfte 2012 für Deutschland nicht zu erwarten. Im Sommer hatten beide Institute noch deutlich über 2 Prozent Wachstum für 2012 vorhergesagt. Auch der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) erwartet nun lediglich ein Plus von 0,5 Prozent. Er setzt auf die stabile Binnennachfrage und sieht als Stütze den deutschen Mittelstand.

Der weltweite Abschwung wird die exportlastige deutsche Wirtschaft mit nach unten ziehen, so das HWWI. Vor allem die schuldengeplagten größeren Euro-Länder wie Nachbar Frankreich, Italien und Spanien werden dem ifo zufolge in die Rezession rutschen und den deutschen Export belasten. Für den Euro-Raum rechnet das Institut mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 0,2 Prozent. „Die EU-Länder kommen mit plus 0,2 Prozent knapp an der Rezession vorbei.“

Schuldenkrise könnte Wirtschaftskrise werden

Eindringlich warnte Sinn, dass die Prognosen keinen Bestand haben werden, wenn Deutschland und Frankreich als finanzkräftigste Länder mit anderen weitere umfangreiche Rettungsaktionen stemmen würden. Auch nach den jüngsten Gipfelbeschlüssen sei die Euro-Krise noch lange nicht gelöst. Die bisherige Erfolglosigkeit habe die Gefahr gesteigert, dass die Schuldenkrise in eine europaweite Banken- und Wirtschaftskrise ausarte – die Finanzmärkte seien weiter stark verunsichert. Die Rettungsschirme würden massive Haftungsrisiken für Deutschland bergen, im Extremfall bis zu 600 Milliarden Euro.

Die Unsicherheit belastete am Mittwoch auch die Finanzmärkte, die Kurse gingen erneut auf Talfahrt. „Die politische Euro-Krise klebt an den Börsen wie Kaugummi am Schuh und lässt sich nicht abstreifen“, sagte Marktanalyst Robert Halver von der Baader Bank. „Kurzfristig ist Italien das größte Einzelrisiko“, unterstrich ifo-Konjunkturexperte Kai Carstensen. Denn Italien müsse im kommenden Jahr den größten Schuldenberg am Kapitalmarkt refinanzieren. Ob das gelinge, hänge aber davon ab, ob Rom mit seinen Sparanstrengungen verlorengegangenes Vertrauen zurückgewinne.

Quelle: dpa