„Dank der Zuwanderung kommen dringend benötigte Fachkräfte“, bilanziert Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, im Interview mit der Passauer  Neuen Presse (23. Mai). Scharfe Kritik übt er am Rentenpaket: „Vor allem für die jüngeren Generationen klingt die Begründung „mehr Gerechtigkeit“ wie blanker Hohn.“

Der Bundestag soll heute grünes Licht für das schwarz-rote Rentenpaket geben: Sind die zusätzlichen Milliarden-Belastungen für Rentenkasse und Haushalt überhaupt zu verantworten? 

Wollseifer: Alle werden die steigende Kostenlast spüren – über niedrigere Renten, höhere Beiträge, sinkendes Rentenniveau. Wir haben Jahre gebraucht, um die richtigen Schritte zu beschließen, damit die Rentenkassen demografiefest werden. Diese Anstrengungen macht die Große Koalition jetzt mit einer Entscheidung zunichte. Vor allem für die jüngeren Generationen klingt die Begründung „mehr Gerechtigkeit“ doch wie blanker Hohn.

Rechnen Sie damit, dass viele Beschäftigte im Handwerk die abschlagfreie Rente mit 63 nutzen werden?

Wollseifer: Entschuldigung: Die Regierung packt ein überraschendes Geschenkpaket an wenige Jahrgänge, das man doch kaum ablehnen kann. Das wird auch im Handwerk Abnehmer finden. Ich hoffe, dass viele zumindest in Teilzeit weiter arbeiten wollen. Trotzdem wird es in vielen Betrieben schon bald zu personellen  Engpässen kommen! Denn es sind ja die dringend benötigten erfahrenen Kräfte, die gehen werden.

Experten verlangen statt der Rente mit 63 die Rente mit 70, um die gesetzliche Alterssicherung zukunftsfest zu machen. Eine richtige Forderung? 

Wollseifer: Die Rentendiskussion zeigt doch: Wir benötigen mehr Flexibilität, und zwar für Betriebe und Arbeitnehmer. Gerade im Handwerk möchten Viele noch gerne jenseits der 60 arbeiten, aber physisch packen sie eine 40-Stunden-Woche nicht mehr. Teilrente und Hinzuverdienst, nach individueller Absprache, gerne auch über die Regelaltersgrenze von 67 hinaus – dafür brauchen wir schnell transparente und möglichst unbürokratische Regeln.

Neuer Rekord bei der Zuwanderung nach Deutschland: Ein Segen für das Handwerk, das zunehmend unter Fachkräftemangel leidet?

Wollseifer: Die positive Zuwanderungs-Bilanz ist wichtig. Auf der einen Seite kommen dringend benötigte Fachkräfte nach Deutschland. Auf der anderen Seite sind es tendenziell junge Menschen, die unsere Sozialsysteme stabilisieren.

Kanzlerin Angela Merkel warnt vor Sozialmissbrauch durch EU-Ausländer. Berechtigte Befürchtungen?

Wollseifer: Für Menschen, die nicht gewillt sind, in Deutschland zu arbeiten oder zu lernen, ist die Freizügigkeit jedenfalls nicht erfunden worden. Dies wird auch von uns nicht akzeptiert. Die Zuwanderung ist jedoch unverzichtbar. Wir sollten daher weiter um qualifizierte Menschen werben, auch aus Ländern außerhalb der EU.

Interview: Rasmus Buchsteiner

Quelle ZDH