Der WIRTSCHAFTS- SPIEGEL sprach mit Lutz Denken, dem Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Düsseldorf, über die Lage der „Wirtschaftsmacht von nebenan“.

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Die jüngste Creditreform-Studie zur Wirtschaftslage des Handwerks kam im Frühjahr 2013 zu dem Ergebnis, dass die Umsatzerwartungen des Handwerks „recht optimistisch“ sind. 28,6 Prozent der befragten Betriebe rechneten sogar mit steigenden Umsätzen. Teilen Sie diese positive Stimmung?

Denken: Aus Sicht der Kreishandwerkerschaft Düsseldorf kann ich diesen Trend bestätigen. Insbesondere im Bau- und Ausbaugewerk ist die Situation gut. Aufgrund einer historisch günstigen Zinssituation investieren viele Menschen in ihre Immobilien. Das macht sich positiv für das Bau- und Ausbaugewerk bemerkbar. Insgesamt sind wir optimistisch, dass das Geschäftsjahr 2013 für die meisten Betriebe zufrieden stellend verlaufen wird.

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Die Untersuchung kommt auch zu dem Ergebnis, dass das Kfz-Gewerbe mit einer deutlich negativen Entwicklung heraussticht. Die Lage hat sich gegenüber dem Vorjahr merklich verschlechtert, die Betriebe haben Personalabbau angekündigt.

Denken: Das sehe ich genauso. Die Abwrackprämie hat seinerzeit dazu geführt, dass viele Altfahrzeuge ausgetauscht wurden. Parallel dazu haben wir in diesem Jahr beobachtet, dass die Zahl der Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2013 um rund 6,7 Prozent zurückgegangen ist. Beide Faktoren führen dazu, dass im Kfz- Handwerk weniger Wartungs- und Reparaturarbeiten anfallen.

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Wie schnell geraten Kfz-Betriebe in dieser Situation in Existenznot?

Denken: Im Handwerk beobachten wir nach wie vor, dass die Betriebe oft kein entsprechendes Eigenkapital gebildet haben. Das führt dazu, dass viele Unternehmen in konjunkturell schwierigen Situationen in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Sie bekommen wegen ihrer geringen Eigenkapitaldecke häufig nur noch sehr schwer weitere Kredite. Gut geführte Betriebe beherrschen das betriebswirtschaftliche Einmaleins perfekt:

Sobald der Auftrag abgearbeitet worden ist, schreiben sie die Rechnung. So soll es auch sein: Für gute Arbeit muss es auch gutes und schnelles Geld geben. Leider besteht bei diesem Thema bei vielen Handwerksbetrieben durchaus Nachholbedarf. Durch Seminare und andere Veranstaltungen versuchen wir, den Firmeninhabern aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sie im Bereich des Rechnungs- und Mahnwesens haben.

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Wie stellt sich aktuell die Situation im Baugewerbe dar? Konnte der Aufholprozess nach dem lan- gen und kalten Winter an Fahrt aufneh- men?

Denken: Wenn die Kundenwünsche an- gesichts besserer Witterungsverhältnis- se plötzlich über die Bauunternehmen hereinbrechen, wird es für die Betriebe natürlich schwierig, diese Aufträge zeit- gerecht abzuarbeiten. Insoweit war und ist dieser Aufholprozess für viele Betriebe eine logistische Herausforderung. Zum Glück ist das Handwerk flexibel genug, um auch mit dieser Situation professionell umzugehen. Aus unserer Sicht haben vie- le Betriebe die Situation gut gemeistert. Sie profitieren sicherlich auch davon, dass im 2. Halbjahr 2013 die Nachfrage nach Bauleistungen weiter ungebrochen ist.

Extreme Zulassungszahlen bei Fliesenlegern

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Wer einen Handwerksbetrieb führen möchte, musste früher immer eine Meisterprüfung ablegen. Seit der Reform der Handwerksordnung vom 1. Januar 2004 sind 52 Handwerksberufe mittlerweile zulassungsfrei. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von handwerksähnlichen Gewerben, in denen ebenfalls kein Meisterzwang besteht. Die- se Entwicklung hatte zur Folge, dass zahlreiche 1-Mann-Betriebe entstanden sind.

Denken: Es gibt tatsächlich verschiedene Handwerksberufe – insbesondere Fliesenleger, Gebäudereiniger und Raumausstatter –, bei denen wir diese Entwicklung seit Jahren beobachten. Hier haben wir teilweise extreme Zulassungszahlen. Allein im Gebäudereiniger-Handwerk haben wir in Düsseldorf rund 1.500 Betriebe. Wir wissen dies relativ genau, da wir sei- nerzeit mit dem Zoll gesprochen und ausgelotet haben, welche Möglichkeiten es gibt, auch diese Betriebe zu überprüfen.

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Die alteingesessenen Betriebe verstehen bestimmt nicht, warum immer nur sie kontrolliert werden, oder?

Denken: Sie sagen es! Sie müssen berücksichtigen, dass wir in der Gebäudereiniger-Innung knapp 60 Betriebe haben. Diese 60 Firmen machen etwa 95 Prozent des Umsatzes und 100 Prozent der Ausbildung aus. Alle anderen Betriebe, sprich: 1.450 Betriebe, erwirtschaften einen nur sehr geringen Umsatz und bilden nicht aus. Diese Tendenz gibt es auch in anderen Gewerken, bei denen wir extreme Zulassungszahlen beobachtet haben. Ich habe das Gefühl, dass viele dieser Handwerksbetriebe gar nicht wissen, was sie tatsächlich machen. Da sie keine entsprechende Ausbildung haben, können sie auch keine qualifizierte Arbeit abliefern. Erschwerend kommt hinzu, dass viele dieser unqualifizierten Handwerker auch kaufmännisch nicht entsprechend ausgebildet sind. Sie kalkulieren falsch und können von den Einnahmen nicht leben.

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Können Sie mir erklären, warum so viele Existenzgründer ihr Glück ausgerechnet als Fliesenleger machen wollen?

Denken: Im Gegensatz zu anderen Gewerken, in denen es schwieriger ist, sich selbstständig zu machen, ist die Existenzgründung als Fliesenleger relativ einfach.

WIRTSCHAFTSSPIEGEL: Der Düsseldorfer Fliesenlegermeister Alexander Jung (Fliesen Pfennigs GmbH) bringt das Problem auf den Punkt: „Sie melden sich einfach bei der Handwerkskammer an, zahlen 40 € und können loslegen.“

Denken: Fliesenleger brauchen tatsächlich keinen Nachweis und keine Qualifikation. Viele dieser wenig oder unqualifizierten Fliesenleger glauben ernsthaft, dass es ausreicht, zum Baumarkt zu fahren und dort zwei Kartons Fliesen und einen Sack Mörtel zu kaufen. Für einen ambitionierten und handwerklich begabten Hobby-Heimwerker, der seinen Keller in Eigenregie fliesen möchte, reichen die heute im Baumarkt erhältlichen Produkte dafür vielleicht aus. Ein seriös und qualifiziert arbeitender Handwerksbetrieb braucht allerdings deutlich mehr …

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