Die in den letzten Monaten gehäuft erschienen Presseberichte über die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa hat die Bildungszentren des Baugewerbes e.V. (BZB) zur Anwerbung spanischer Jugendlicher ermutigt. Viele Ausbildungsstellen in Deutschland bleiben unbesetzt, weil es oft an geeigneten Bewerbern fehlt. So auch im Bausektor.

Mit Fördermitteln der Bundesagentur für Arbeit können junge Menschen aus dem europäischen Ausland Praktika in deutschen Betrieben machen, um sich für eine Ausbildung im Dualen System zu empfehlen. Die BZB stehen seit Monaten in engem Kontakt zu ihren spanischen Partnern und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) in Bonn, die im Namen der Bundesagentur für Arbeit das Projekt „Job of my Life“ federführend leitet. Die BZB nutzen dieses Projekt in enger Zusammenarbeit mit dem spanischen Bauverband FLC (Fundacion Laboral de la Construccion), um gezielt motivierte junge Spanier und Spanierinnen für eine Ausbildung in Deutschland zu interessieren. Alle Teilnehmer haben einen Schulabschluss und sind mindestens 18 Jahre alt.

Mehr als 60 Kandidaten ohne Ausbildungsstelle hatten sich zuvor in Spanien um die 24 Praktikumsplätze beworben. Nach einem vorbereitenden Sprachkurs von 4 Wochen im Heimatland kamen die jungen Spanier/innen aus Madrid, Malaga und Saragossa am 02.08.0213 für ein 4-wöchiges Praktikum nach Deutschland. Handwerksbetriebe in Krefeld, Wuppertal, Moers, Schwalmtal, Kevelaer, Remscheid, Goch, Essen und Jüchen beteiligten sich sehr engagiert an diesem Projekt. Am Ende stand nun die Entscheidung an, Ausbildung in Deutschland: Ja oder Nein.

Die Betriebe wollen ihre freien Lehrstellen für die Ausbildung zum Maurer, Fliesenleger, Stuckateur, Kanal-, Straßen- und Garten-Landschaftsbauer, Dachdecker oder Maler besetzen und hatten definitiv das Ziel, den jungen Spaniern über das Praktikum hinaus eine Chance zur Ausbildung zu geben.

Während des Praktikums waren die südländischen Praktikanten im Gästehaus des BZB Krefeld untergebracht und wurden während ihres Aufenthaltes intensiv betreut. Dazu gehörten auch die Fortsetzung des Sprachkurses, das Kennenlernen eines neuen Landes, ihrer Menschen und deren Lebensart. Die Kommunikation und Betreuung auch außerhalb der betrieblichen Praktikumszeit wurde durch eine in Spanien aufgewachsene Sprachbegleiterin nachhaltig unterstützt. Als ausgebildete Architektin im Baubereich konnte sie auch fachliche Kenntnisse einbringen.

In den vier Wochen ihres Aufenthaltes hatten die couragierten jungen Menschen in vielfältiger Weise Gelegenheit, mit der Ausbildung in Deutschland vertraut zu werden. Auch die Ausbilder in den Betrieben haben die Zeit genutzt, sich ein Bild von den Fähigkeiten, Kenntnissen und dem Verhalten ihrer spanischen Praktikanten zu machen. Dabei verständigten sie sich mit Händen und Füßen, aber auch Übersetzungsprogramme auf dem Smartphone wurden genutzt, um miteinander zu kommunizieren.

Am 29.08.2013 fand dann im BZB Krefeld eine gemeinsame Abschlussveranstaltung mit allen Unternehmern und den spanischen Praktikanten statt. Dieses Treffen wurde dazu genutzt, um nochmals von allen Beteiligten ein persönliches Feedback einzuholen. Die Unternehmer, die sich noch nicht sicher waren, einen ihrer spanischen Schützlinge zu übernehmen, hatten hier die abschließende Gelegenheit, sich zu entscheiden. Trotz nach wie vor vieler offener Fragen seitens der Betriebe, z.B. im Zusammenhang mit Sprachkenntnissen oder der Berufsschule, war die Resonanz dennoch überwältigend: 14 Ausbildungsverträge wurden von den Betrieben angeboten. Davon wurden 11 abgeschlossen: 4 Stuckateure, 2 Kanalbauer, 1 Maurer, 1 Straßenbauer, 2 Maler, 1 Fliesenleger. 3 Spanier konnten sich nicht von ihrer Heimat trennen und sagten dem Betrieb ab.

Die spanischen Jungs haben sich über alle Maßen gefreut: „Endlich habe ich eine Perspektive und kann an meiner Zukunft arbeiten“, so Angel Rodriguez (22), der eine Ausbildung zum Maler beginnt. Auch Byron Patango kann sein Glück und damit die Chance auf ein besseres Leben kaum fassen und fiel vor lauter Freude seinem neuen Chef Christian Heemskerk um den Hals. Die Spanier haben am 30.08.2013 die Heimreise angetreten und werden hoffentlich vollzählig zum Ausbildungsbeginn Anfang Oktober dauerhaft nach Deutschland zurückkehren.

Die BZB sowie die beteiligten Unternehmen rechnen auch zukünftig damit, mit unterschiedlichen Herausforderungen in den nächsten Monaten konfrontiert zu werden. Ein „Knackpunkt“ wird der Berufsschulunterricht sein. Die Erfahrungen der letzten Wochen zeigen, dass die sprachlichen Kenntnisse trotz eines vorbereitenden und unterstützenden Sprachkurses bei weitem nicht ausreichen, um dem regulären Berufsschulunterricht folgen zu können. Hier wird die Problematik deutlich, die sich bei der Umsetzung eines solchen Projektes ergibt. Jetzt sind 11 Spanier da und wie erfolgt der Berufsschulunterricht? Gibt es an den Berufsschulen Förderkurse, gibt es die Möglichkeit eine „spanische“ Berufsfachschulklasse zu bilden? Die BZB setzen sich auch hier ein und haben bereits Kontakt mit dem nordrhein-westfälischen Schulministerium und der zuständigen Bezirksregierung aufgenommen und sind zuversichtlich, Lösungen mit einer nahegelegenen Berufsschule anbieten zu können. Die vielen unterschiedlichen Berufe und das große Einzugsgebiet lassen die Gründung einer eigenen spanischen Fachschulklasse leider nicht zu.

Weitere Herausforderungen ergeben sich bei der Wohnungssuche und Behördengängen, wo es viele sowie bürokratische Hürden zu überwinden gilt. Die Ausbildungsbetriebe und die BZB als vermittelnde Institution in diesem Projekt werden viel Unterstützung leisten, da die jungen Spanier aufgrund mangelnder Deutsch- und Behördenkenntnisse diese dringend brauchen werden. Auch hier setzen die BZB weitere Hebel an und wollen in Abstimmung mit der ZAV nachhaltig die Teilnehmer für die Alltagsbewältigung und gezielte Sprachförderung weiter ausbildungsbegleitend unterstützen.

Schöner Nebeneffekt des Projektes: Durch Zufall kamen einige spanische Teilnehmer mit einer in Krefeld lebenden spanischen Familie in Kontakt, die nicht nur während des bisherigen Aufenthalts sondern auch in Zukunft persönlich und durch weitere Vernetzung, ihre jungen Landsleute unterstützen möchten. Über soziale Netzwerke mobilisieren sie bereits jetzt Freunde, Verwandte und Bekannte, auf unterschiedliche Art und Weise zu helfen – sei es mit Sachspenden wie Möbel, Geschirr oder sonstigen Erstausstattungsgegenständen oder auch mit Wohnmöglichkeiten.

Das Projekt hat bisher gezeigt, dass das Förderprogramm der Bundesregierung viele Fragen aufgeworfen hat. Aus Sicht vieler kleinerer Unternehmen, vor allem Handwerksbetriebe, ist es nahezu unmöglich, ohne qualifizierte Vermittler ihre offenen Ausbildungsplätze mit geeigneten ausländischen Jugendlichen zu besetzen.

Wird seitens der Bundesregierung ernsthaft an der Fortführung des Projektes „The Job of my life“ zur Gewinnung von Auszubildenden festgehalten, muss sich auf Grund der Erfahrungen wohl einiges ändern. Denn so einfach es in den Broschüren auch beschrieben sein mag – die Umsetzung in die Realität erfordert ein hohes Maß an persönlicher Unterstützung dieser Jugendlichen. „Gib alles. Dann geben wir dir viel dazu“ – klingt sehr vielversprechend, jedoch reicht eine bloße finanzielle Unterstützung aus Sicht der BZB und der beteiligten Betriebe bei weitem nicht aus. Dieses Projekt mag vielleicht dem ein oder anderen ausländischen arbeitslosen Jugendlichen mit vorhandenen Sprachkenntnissen neue Perspektiven bieten – jedoch würde der Großteil der derzeit arbeitslosen Jugendlichen schon an dem Bearbeitungsprozess der vielfältigen Antragsunterlagen scheitern. Die BZB wussten von Anfang an, dass sich ein solches Projekt nur realisieren lässt, wenn man dieses stellvertretend für die Teilnehmer zu einem Projekt bündelt und mit verlässlichen Partnern in Spanien und im engen Kontakt mit potentiellen Ausbildungsbetrieben in Deutschland umsetzt. Ohne langjährige Erfahrungen aus Mobilitätsprojekten und der bestehenden Vernetzung mit den Partnern in Spanien wären die Ausbildungsverhältnisse nie zu Stande gekommen.

Aufgrund des bisherigen Erfolgs werden die BZB aller Voraussicht nach dieses Projekt für das Ausbildungsjahr 2014 wieder durchführen. Allerdings wird man früher mit der Akquise und Auswahl der Teilnehmer in Spanien beginnen. Die Bearbeitung der Antragsunterlagen kann dann bedeutend früher erfolgen und die Teilnehmer haben statt einen Monat direkt drei Monate Zeit, sich sprachlich vorzubereiten. Geplant ist, dass BZB Mitarbeiter bei der Bewerbung und Auswahl in Spanien präsent sein werden. Erste Gespräche mit der ZAV, zuständigen Behörden und Ministerien geben Anlass zu einer positiven Veränderung der Förderrichtlinien.

Die BZB und das Baugewerbe werden sich weiter dafür einsetzen, dass das Projekt wiederholt werden kann, um die erschreckend hohe Zahl an jugendlichen Arbeitslosen in vielen europäischen Ländern zu bekämpfen und gleichzeitig dem Fachkräftemangel in deutschen Unternehmen und Handwerksbetrieben zu begegnen.

Krefeld, 04.09.2013