Statement von Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks: Bis Ende April hat das Handwerk in diesem Jahr schon über 28.000 Ausbildungs- verträge eingetragen. Das ist ein deutliches Plus von 13,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das Plus zum Jahresbeginn beweist, dass sich unsere Betriebe zielgerichtet und frühzeitig um ihre Fachkräftesicherung bemühen. Gerade auch Betriebe, die ein oder zwei Jahre lang keinen geeigneten Bewerber gefunden haben, kümmern sich eher als bisher um geeigneten Nachwuchs. Wer die sogenannten Einstiegsqualifikationen ermöglicht, schließt ebenfalls mit den Jugendlichen bei nachgewiesener Eignung frühzeitig den Ausbildungsvertrag ab.

Schön wäre es, wenn wir ein so deutliches Plus auch noch im September vermelden könnten. Doch das ist wohl nicht zu realisieren. Ausbildungsplätze gibt es genug. Doch die Zahl der Bewerber sinkt – die Demografie schlägt spürbar zu. Allein in Ostdeutschland hat sich innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Schulabgänger halbiert. Dazu kommt der Trend, statt Hauptschul- oder Realschulabschluss das Abitur anzustreben. Das Handwerk wirbt daher um jeden Jugendlichen. Wir setzen eine große Imagekampagne gegen den Trend, die über Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit des Handwerks informiert. Bewerber haben beim Handwerk jedenfalls beste Karten: Ausbildungsplätze stehen in allen interessanten Berufen in ausreichender Zahl zur Verfügung.

Das Handwerk bietet gezielt Karrierepläne für Abiturienten an. Mit verkürzter Ausbildung und Meisterbrief haben sie die Chance schnell erfolgreich im Handwerksberuf zu sein. Auch ein duales Studium in Fachhochschule und Betrieb ist eine Erfolg versprechende Alternative. Die Werbung um Abiturienten zahlt sich aus, weil für die doppelten Abiturjahrgänge, die jetzt in vielen Bundesländern die Schule verlassen, der Weg an die Universitäten schwieriger wird. Der Abiturientenanteil im Handwerk ist in Bundesländern mit doppelten Jahrgängen in der Vergangenheit stets spürbar gestiegen.

Wir werben auch engagiert um die vermeintlich so schlechten Abgänger der Haupt- und Realschulen. Diese Jugendlichen sind doch nicht dümmer als früher. Sie werden jedoch häufig in ihrer Entwicklung zu wenig unterstützt und bekommen von Medien allzu oft ein falsches Bild der Berufswelt vermittelt. Unsere Angebote zur Berufsorientierung in Bildungszentren und die zunehmenden Kooperationen von Handwerksbetrieben mit Schulen leisten hier Abhilfe.

Wir sprechen seit vielen Jahren intensiv junge Migranten und Ausländer an. Mit Erfolg! Ihre Zahl im Handwerk steigt. Es zahlt sich aus, dass wir mit Migrantenorganisationen zusammenarbeiten und die Zuwanderer über die duale Ausbildung im Handwerk und ihren Stellenwert in Deutschland aufklären. Das fällt mittlerweile leichter, weil immer mehr Ausbildungsberater selbst eine Zuwanderungsgeschichte haben.

Meine Damen und Herren, der deutsche Fußball-Nationalspieler Cacau, der aus Brasilien stammt, hat jüngst zu den Gemeinsamkeiten von Fußball und Handwerk gesagt: „Hier zählt nicht, wo man herkommt, sondern, was man im Leben vorhat.“ Das stimmt. Die Türen im Handwerk stehen jedem offen.

Aber: Erfolg muss man sich erarbeiten. Respekt muss man sich verdienen. Die jungen Spieler unseres deutschen Fußball-Meisters hier in Dortmund haben es doch vorgemacht. Der Fußball ist da ein Spiegelbild des wirklichen Lebens. Wir haben in unserem jungen Gerüstbaumeister heute hier das beste Beispiel. Mit der nötigen Motivation und viel Energie hat er sich in der Einstiegsqualifizierung be- wiesen und in der Ausbildung nach vorne gearbeitet. Heute ist er Spitze in seinem Beruf – er darf sich genau so stolz Meister nennen wie beispielsweise ein Nuri Sahin.

Ich hoffe sehr, dass er in seiner Familie und in seinem Bekanntenkreis zum Vorbild wird und es ihm viele junge Leute gleichtun.

Meine Damen und Herren, Handwerker sind Teamarbeiter. Deswegen arbeiten wir auch so intensiv mit der Arbeitsagentur zusammen, wenn es um die Ausbildung geht – gerade auch für Jugendliche mit schulischen oder sozialen Problemen. Deswegen sind wir enga- giert im Pakt für Fachkräftesicherung, der den Ausbildungspakt abgelöst hat. Wir gehen auf alle gesellschaftlichen Kräfte zu und arbeiten daran mit, die Potenziale zu heben, die wir im Land haben.

Doch für nachhaltigen Erfolg brauchen wir auch die Unterstützung der Bundes- länder und der in ihren Verantwortungsbereich fallenden allgemeinbildenden Schulen, sowie der Vorschulen und Kindergärten. Wer kein Deutsch kann, wird in der Schule nicht mitkommen. Wer nichts lernt, wird keinen Abschluss machen. Wir müssen aber die Zahl von Jugendlichen ohne ausreichende schulische Vorbildung deutlich reduzieren! Und eine frühere und bessere Berufsorientierung kann die jungen Leute bei der Berufswahl unterstützen. Damit könnten auch viele Ausbildungsabbrüche vermieden werden.

Die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Handwerks hängt an seiner hohen Qualität der Produkte und der Qualifizierung seiner Mitarbeiter. Wir haben in der Vergangenheit stets weit über den eigenen Bedarf hinaus ausgebildet – einen akuten Fachkräftemangel gibt es im Handwerk daher nicht. Aber wir wollen und müssen weiter auf hohem Niveau ausbilden, um den notwendigen Fachkräftenachwuchs für die Zukunft zu sichern.
Im Übrigen zeigt das Beispiel unserer drei engagierten jungen Handwerkerinnen und Handwerker (Yasemin, Zeycan, Burhan) hier, wie wichtig das Instrument der Einstiegsqualifizierung ist.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erwägt, die Einstiegsqualifizierung als eigenständiges Instrument aufzugeben und künftig immer an einen Maßnahmeträger zu binden. Wir halten das für ein falsches Signal! Gerade das unmittelbare arbeitsrechtliche Verhältnis zwischen Jugendlichen und Betrieb hat bisher in seiner Verbindlichkeit den Weg für viele Ausbildungsverträge geebnet. Finden Jugendliche demnächst nur noch über einen Träger Zugang zu einem betrieblichen Praktikum, fällt die Trennung bei den ersten aufkeimenden Schwierigkeiten wesentlich leichter. Gerade schulmüde Jugendliche haben durch die Einstiegsqualifizierung eine reelle Chance auf einen Ausbildungsplatz erhalten. Wir dürfen ihnen diese Perspektive nicht nehmen. Vielen Dank.