Aber: Schwache Investitionstätigkeit hemmt Modernisierung und Betriebsübergaben – Ehlert warnt vor Trägheitseffekt des Booms: Das Handwerk zeigt sich für die magereren Wintermonate konjunkturell gut gerüstet. Der Konjunkturbarometer der Handwerkskammer Düsseldorf erreicht in diesem Herbst mit 87 Prozent ein selten erreichtes Spitzenniveau; nur einmal in 25 Jahren – vor vier Jahren – wies der Geschäftsklima-Indikator für den Wirtschaftsbereich an Rhein, Ruhr und Wupper mit 88 Prozent einen noch höheren Wert aus. Das Handwerk profitiert derzeit von einer gleichzeitigen Stärke der privaten und der gewerblichen Nachfrage – gespeist von Sondereffekten wie dem Niedrigzins, steigenden Nettolöhnen und der Kapitalanlage in „Betongold“. Die Hausse im Handwerk im äußersten Westen dauert damit das sechste Jahr in Folge fort; erstmals zeichnet die repräsentative Umfrage (Panel: 8.000 Unternehmen/ Rücklauf 923) ein annähernd homogenes Stimmungsbild über alle Branchengruppen hinweg. Einer der Konjunkturschrittmacher, das Kfz-Handwerk, profitiert sogar vom Abgasskandal bzw. der davon ausgelösten Umrüstwelle.

Allerdings blieben die Beschäftigungsdynamik und die Investitionsneigung in den Betrieben des Wirtschaftsbereichs schwach ausgeprägt. „In längerfristiger Perspektive droht eine allzu zurückhaltende Kapazitätspolitik der Handwerksunternehmen zu einem Wachstumsrisiko zu werden. Betriebe, die zu wenig Modernisierungsaufwand betreiben, haben es zudem besonders schwer, ihre Unternehmens-Nachfolge zu sichern“, warnte der Präsident der Kammer, Andreas Ehlert, bei der Veröffentlichung des Herbstgutachtens der HWK am Donnerstag in der Landeshauptstadt vor einem „Trägheitseffekt“ der anhaltenden Hausse im Handwerk.

Die wichtigsten Eckdaten der Herbstumfrage:

  • Eine bis dato bei Konjunkturerhebungen der Kammer unerreicht hohe Anzahl an Betriebsinhabern – 42 Prozent – bezeichnen ihre geschäftliche Situation als „gut“; weitere 46 Prozent bestätigen einen zufriedenstellenden Geschäftsgang in den 6 Monaten seit der letzten (Frühjahrs-)Umfrage.
  • 48 % der Befragten berichten von einem stabilen Auftragsbestand, weitere 28 % von einem gewachsenen Auftragsvolumen. Die Kapazitäten der Handwerksfirmen waren stark – im Schnitt zu 79 % – ausgelastet; die Auftragsreichweite beträgt 5,4 Wochen.
  • Die Handwerksberichterstattung des IT.NRW untermauert die Lageeinschätzung und meldet für das zulassungspflichtige Handwerk Umsatzanstiege für das I. und II. Quartal; im 2. Quartal um 3,2 Prozent.
  • Das Umsatzwachstum wird am Beschäftigtenstand von aktuell 314.500 im Kammerbezirk bis zum Jahresende wenig ändern. Der Saldo in beiden Konjunkturumfragen der HWK in 2015 aus Stellenzuwachs und -abbau ist jeweils ungefähr ausgeglichen; 83 % der Betriebe erwarten auch für den Winter Beschäftigungsstabilität. Ehlert: „Ein leergefegter Fachkräftemarkt und der Trend zu Abi und Studium behindern einen notwendigen Personalaufbau“.
  • Auch die Investitionstätigkeit der Betriebe hat sich nur leicht verstärkt; 18 % der Firmen steigerten die Ausgaben. Es sind vor allem die größeren Unternehmen: Rund vier von zehn Handwerksfirmen (36 %) mit mehr als 50 Beschäftigten haben seit dem Frühjahr ihre Aufwendungen in Anlagen, Maschinen und Gerät erhöht; das sind fast doppelt so viele wie in den vorausgegangenen Umfragen. Jeder dritte Euro ging dabei in ein Erweiterungsprojekt. „Aber auch die kleineren Betriebe müssten hier mehr tun, um den aufgelaufenen Investitionsstau zu verringern und auf die Herausforderung der Digitalisierung der Arbeitsprozesse, Produktionsverfahren und Vertriebswege zu reagieren“, mahnte Präsident Ehlert.
  • Die konjunkturellen Aussichten bis Frühjahr 2016 sind ebenfalls freundlich. Jedes sechste Handwerksunternehmen (17 %) erwartet, von der guten Konjunktur noch stärker zu profitieren; 14 Prozent sehen eine Beruhigung der Nachfrage voraus.

Das Konjunkturbild in den sieben Branchengruppen:

  • Der Immobilien-Boom befeuert unverändert das Konjunkturklima im Ausbauhandwerk (Branchenindex: 91 Prozent). Jeder zweite branchenangehörige Betrieb bewertet seine wirtschaftliche Lage als gut; 80 % der Maler-, SHK- und Elektrotechnischen sowie Tischlerbetriebe berichten von stabilen oder gar weiter gestiegenen Umsätzen.
  • Mit einem Branchenklima von 84 Prozent (Frühjahr: 87) fällt das Bauhauptgewerbe gegenüber den Ausbau-Gewerken in diesem Herbst etwas ab; die gestiegenen Baulandpreise und staatliche Regulierungen haben zu erheblich gestiegenen Baukostenpreisen geführt, so müssen etwa die stark nachgefragten rollstuhlgerecht barrierefreien Wohnungen um 7 bis 15 qm größer sein als der Standardzuschnitt.
  • Auftrieb melden auch die Werkstattunternehmen; das Branchenklima im Kfz-Gewerbe beträgt 86 Prozent (vor einem Jahr: 84). Jedes vierte Autohaus kalkuliert mit einem weiteren Wachstum in den nächsten sechs Monaten. Die Hauptdynamik löst derzeit der Neuwagenverkauf aus, der in den ersten zehn Monaten des Jahres um 5,1 Prozent über Vorjahresniveau liegt.
  • Die Handwerke für den Gewerblichen Bedarf (Klimaindex: 84 Prozent/ Herbst 2014: 82) legten ebenfalls leicht zu, wobei alleine die Gebäudereiniger, Feinwerktechniker und Modellbauer Auftragsreichweiten über dem Branchendurchschnitt von 6,4 Wochen realisieren konnten. Speziell die Werkzeug- und die Modellbauer haben begonnen, neue Marktnischen in digitalen Produktionsmethoden wie dem 3-D-Druck zu besetzen.
  • Den stärksten Sprung auf dem Konjunkturbarometer machte das Lebensmittelhandwerk (Indexwert: 87 Prozent / Frühjahr: 81). 37 % der antwortenden Bäckereien, Fleischereien oder Konditoreien erzielten in diesem Frühjahr und Sommer höhere Umsätze als erwartet.
  • Zu den Konjunkturgewinnern zählt außerdem das Gesundheitshandwerk (Klimaindex: 84 Prozent). Die Branchengruppe verzeichnet einen Beschäftigungszuwachs; nirgends sind die Erwartungen an die Geschäftsentwicklung in der kommenden kalten Jahreszeit höher als bei den Augenoptikern, Hörgeräteakustikern, Dentallaboren und Sanitätshäusern.
  • Am kritischsten beurteilen die Maßschneiderateliers, Schuhmacher, Gold- und Silberschmiede den Geschäftsverlauf (Klimaindex: 80 Prozent). Lediglich zehn Prozent der Unternehmen der Branchengruppe für die Persönliche Ausstattung erzielte über den Sommer Umsatzzuwächse; vergleichsweise gedämpft fällt in diesem Branchensegment auch der Ausblick aus: nur 15 % der Unternehmen erwarten im wichtigen Weihnachts- und –Nachgeschäft eine Umsatzbelebung.

Regional: Das gute Geschäftsklima im Kammerbezirk wird von allen Wirtschaftsräumen (Großraum Düsseldorf, Linker Niederrhein; Bergisches Land und Ruhr West) getragen; den TOP-Wert liefert einmal mehr die besonders einkommensstarke Region Düsseldorf mit einem Klimaindex von 90 %.

„Das Handwerk zweifelt nicht daran, dass die gute Konjunkturlage im Handwerk auch im kommenden Jahr Bestand haben wird. Das Handwerk will und wird darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Integration der aus Kriegs- und Krisenländern Geflohenen leisten, mit positiven Effekten für Wachstum und Beschäftigung in unserem Wirtschaftssektor“, richtete Kammer- und NRW-Handwerkstagspräsident Andreas Ehlert den Blick nach vorn. „Das allerdings bedarf langsam dringlicher Weichenstellungen seitens der Politik.“

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