„Die Deutschen müssen in einer älter werdenden Gesellschaft eher länger arbeiten“, stellt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit dem Express in Köln fest. Kritik übt er an der Rente mit 63: „Da brechen alle Dämme! Die Kosten explodieren.“

Der gesetzliche Mindestlohn kommt – können Sie damit leben?

Wollseifer: Wir haben im Handwerk sehr viel Erfahrung mit Mindestlöhnen – tariflichen wohlgemerkt, die weitaus höher sind. In meiner Branche, dem Maler und Lackierer-Handwerk, liegt er bei 12,50 Euro. Tarifpolitik ist eigentlich Sache der Sozialpartner. Die finden bessere, weil  regionale und branchenbezogene Lösungen. Der gesetzliche Mindestlohn führt auch zu einer überbordenden Bürokratie. Das ist teures Gift für die Betriebe.

Und die Rente mit 63?

Wollseifer: Für diesen Fehler zahlen alle! Wir entziehen unseren Betrieben dadurch erfahrene Arbeitskräfte. Die Rentenkosten explodieren. Der Rentenversicherung liegen nach eigenen Angaben schon jetzt 190.000 Anträge vor. Da brechen alle Dämme!

Ist der Trend zu weniger Arbeit ein Irrweg?

Wollseifer: Die Erkenntnis reift langsam, dass man in einer älter werdenden Gesellschaft nicht immer weniger arbeiten kann, sondern eher länger arbeiten muss. Das ganze Umlagesystem ist sonst nicht mehr finanzierbar.

Aber nicht jeder kann länger arbeiten.

Wollseifer: Richtig. Immer mehr Betriebe im Handwerk machen ihre Hausaufgaben. Sie investieren in Gesundheitsvorsorge. Und seit die Rente mit 67 eingeführt wurde, bietet das Handwerk Älteren noch mehr Weiterbildung. Wer nicht mehr kann, der bekommt Erwerbsminderungsrente. Damit Mitarbeiter länger im Betrieb bleiben, brauchen wir eine flexible Teilrente. Wir fordern höhere Hinzuverdienstgrenzen. Dann können Ältere entscheiden, ob sie noch 40 Stunden die Woche, oder nur 30 oder 20 arbeiten können.

In NRW gibt es jede Menge marode Tunnel, Straßen und Brücken –  eine Goldgrube fürs Handwerk?

Wollseifer: Wir haben in der Tat einen gigantischen öffentlichen Investitionsbedarf. In Berlin und den Ländern brauchen wir ein Umdenken – weniger Milliarden für Sozialpolitik, mehr für Brücken, Straßen und Sanierungen. Dies ist ein wichtiger Standortfaktor –  vor allem hier in NRW. Wenn wir beispielsweise nicht mehr über die Leverkusener Brücke kommen, kostet das die Betriebe und die Bürger richtig Geld.

Das Handwerk ist einer der größten Arbeitgeber –  honoriert das die Politik genug?

Wollseifer: Die Politik schaut oft nicht über die Big Player in der Industrie hinaus. Doch eine Million Handwerksbetriebe mit 5,3 Millionen Beschäftigten sind eine Marke. Wir verleihen der deutschen Wirtschaft Stabilität. Das wurde insbesondere in den Krisenjahren deutlich. Wir haben unser Personal behalten.

Ist das Handwerk für junge Leute noch attraktiv?

Wollseifer: Richtig ist, dass wir seit fünf Jahren nicht mehr alle Ausbildungsplätze besetzen können. Allein 2014 blieben 20 000 frei, im Jahr davor waren es 15 000. Dabei sind unsere Berufe spannend und innovativ, selbst in den Nischen.

Woran liegt es?

Wollseifer: Demografiebedingt sinken die Schülerzahlen – und es gibt einen Trend  zur  Akademisierung. Für mich ist das Abitur für Jedermann aber nicht erstrebenswert – auch nicht das Studium für Jedermann. Wir müssen weg vom Akademikerwahn. Wir brauchen auch gute Fachkräfte. Nach Studien wird es bis 2030 drei Millionen mehr Akademiker und eine Million weniger Fachkräfte geben. Diesen Negativtrend wollen wir stoppen, kämpfen für Nachwuchs. Um Hauptschüler genauso wie um Studienaussteiger mit Abi.

Quelle: ZDH

Interview: Maternus Hilger, Chris Merting, Gerhard Voogt, Robert Baumanns