Im Handwerk sind Ausbildungsordnungen und Prüfungen, auch auf Meisterebene, in den vergangenen Jahren gezielt auf Praxisnähe ausgerichtet worden. „Der Erwerb von Kompetenzen in der beruflichen Praxis ist das große Plus der dualen Ausbildung“, so ZDH-Präsident Kentzler. Sein Ziel ist es, den Trend zur Akademisierung zu stoppen. Dafür macht er Abiturienten und Studienabbrechern Karriereangebote im Handwerk. Ruth und Arnim Kaiser haben ZDH-Präsident Otto Kentzler für die Fachzeitschrift „Weiterbildung“ interviewt.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Ausbildungsbereich des Handwerks?
Kentzler: Erstens: Die Zahl der Schulabgänger sinkt weiter. Zweitens: Es gibt einen Trend zu Abitur und Studium. Da vor allem leistungsorientierte Jugendliche das Abitur anpeilen, findet also zusätzlich zur demografischen Entwicklung eine negative Auslese statt. Denn das Handwerk rekrutiert den überwiegenden Teil der Auszubildenden nach wie vor von Haupt- und Realschulen. Die weltweit als „best practice“ gelobte duale Ausbildung in Deutschland wird so geschwächt. Hier muss die Bildungspolitik umsteuern. Es gilt, duale Ausbildung und die dahinter liegenden Strukturen auf allen Ebenen zu stärken.

Die Industrie klagt zunehmend über einen drohenden Mangel an Facharbeitern. Ist das auch ein Problem für das Handwerk?
Kentzler: In den vergangenen vier Jahren blieben zusammengenommen rund 40.000 Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt. Es fehlt in vielen Berufen dadurch an Nachwuchs. Der Facharbeitermangel ist für die Zukunft also absehbar. Wir steuern mit allen Mitteln dagegen: Eine Imagekampagne klärt über die Innovationsfähigkeit und Zukunftssicherheit unserer Berufe auf. Die Betriebe sind familienfreundlich und werben jetzt auch damit, werden so als Arbeitgeber für Frauen interessant; sie qualifizieren in zunehmendem Maße ältere Mitarbeiter; Betriebe und Handwerksorganisationen sprechen gezielt Migranten an und kümmern sich nicht zuletzt intensiv um die Eingliederung von Jugendlichen mit schlechteren Startchancen in die Ausbildung.

Eine aktuelle Initiative des Handwerks zielt auf die Beschäftigung auch von Studienabbrechern ab. Ist nicht zu befürchten, dass sich diese Zielgruppe in Handwerksberufen überqualifiziert fühlt?
Kentzler: Es ist kaum zu befürchten, dass sich Abiturienten und Studenten im Handwerk mit einfachen Tätigkeiten zufrieden geben. Für leistungsorientierte junge Handwerkerinnen und Handwerker gibt es in der Mehrzahl der Betriebe mittlerweile maßgeschneiderte Karrierepläne. Außerdem bieten die Berufe des Handwerks spannende Betätigungsfelder. Viele junge Leute suchen diese Herausforderung, die eine echte Alternative zu reinen Büro-Berufen ist. Hier einige Beispiele: Im Bereich Medizintechnik ist das Handwerk für die vorwiegend anwendungsorientierten Innovationen zuständig. Im Bereich Maschinen- und Automobilbau sourcen die industriellen Auftraggeber auch Forschung und Entwicklung längst an die Zulieferbetriebe aus. Die Energiewende ist ohne exzellent ausgebildete Praktiker mit hoher Qualifikation kaum denkbar, ebenso die Planung und Realisierung von großen IT-Anlagen. Große Handwerksbetriebe müssen auch besondere Herausforderungen in Schlüsselbereichen wie Personalgewinnung oder Logistik bestehen.

Wenn denn zum Personal auch Personen mit Abitur, zusätzlich mit Hochschulerfahrung und vermutlich auch absolvierten Teilprüfungen gehören: Bringt eine dann sehr heterogene Belegschaft gerade in kleineren Betrieben nicht Spannungen mit sich?
Kentzler: Die Belegschaft hat in der Regel eine Gemeinsamkeit – die Ausbildung zum Gesellen. Diese Erfahrung  schweißt zusammen.  Dazu kommt: Selbst in kleinen Betrieben sorgen die Hochqualifizierten dafür, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens steigt und damit die Arbeitsplatzsicherheit für alle Mitarbeiter. Ich selbst habe zwei Gesellenbriefe erworben und dann ein Studium zum Diplom-Ingenieur abgeschlossen. Meine Qualifikation hat zum Erfolg unseres Familienunternehmens viel beigetragen.

Welche Karrierechancen kann das Handwerk diesem Personenkreis eigentlich bieten?
Kentzler:
Wir erwarten, dass sie neben dem Gesellenbrief Zusatzqualifikationen erwerben, sich vielleicht bis zum Meister fortbilden und damit auf einer Stufe neben dem akademischen Bachelor stehen. Sie können den Betriebswirt im Handwerk draufsatteln und als Manager oder Unternehmer in einem der vielfältigen Handwerksberufe reüssieren. Die Alternative ist ein duales Studium mit Bachelor und Gesellenbrief als Abschluss und damit einer Garantie auf eine Führungsposition. In jedem Fall werden sie davon profitieren, dass die Bildungsrendite für Menschen mit beruflicher Bildung im Vergleich zur akademischen Bildung höher ausfällt, wie zahlreiche Studien belegen.

Ein Dauerthema mit Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt sind die Geringqualifizierten. Was versteht man eigentlich im Handwerk unter dieser Zielgruppe? Welche Ausbildungs- und Beschäftigungschancen kann das Handwerk dieser Gruppe bieten?
Kentzler:
Handwerksbetriebe beschäftigen auch Helfer oder Angelernte. Diese Gruppe motivieren wir, auf ihrer praktischen Berufserfahrung aufzubauen und eine Ausbildung draufzusatteln. Dazu bieten wir auch die schnelle Hinführung zu einer Externenprüfung. Denn nur Qualifikation sichert nachhaltige Beschäftigungschancen. 2013 hat die Bundesagentur für Arbeit eine Aktion gestartet, um junge Erwachsene über 25 für eine Erstausbildung zu gewinnen. Auch daran beteiligt sich das Handwerk.

Wir arbeiten gerade an einem BMBF-Projekt zur Förderung Geringqualifizierter. Zu den ersten, allerdings noch sehr vorläufigen Eindrücken gehört die Wahrnehmung, dass Ausbildung und Prüfungen im Handwerk vielleicht zu sehr auf Wissensanhäufung ausgerichtet sind. Zu kurz kommen unserer Einschätzung nach formale Kompetenzen zur Steigerung der Problemlösungskapazität. Teilen Sie diesen unseren Ersteindruck?
Kentzler: Der Eindruck erstaunt mich sehr. Die Ausbildungsordnungen und die Prüfungen, auch auf Meisterebene, sind in den vergangenen Jahren gezielt auf noch mehr Praxisnähe ausgerichtet worden. Das ist ja der wichtige Unterschied zur akademischen Bildung. Allerdings sind viele Berufe komplexer geworden und erfordern spezifisches Wissen. Im Betrieb wird jedoch tagtäglich eingeübt, wie dieses Wissen zur Umsetzung von Kundenaufträgen angewandt wird. Der Erwerb von Kompetenzen in der beruflichen Praxis ist das große Plus der dualen Ausbildung. Schulische Ausbildungsgänge mit reiner Wissensvermittlung können da nicht mithalten, das hat sich in anderen europäischen Ländern gezeigt. Im Übrigen sollte sich bei weit über 100 Ausbildungsberufen für  jedes Talent der richtige Handwerksberuf finden lassen. Für Jugendliche, die mit großen Defiziten aus der Schule entlassen wurden, gibt es mit der Einstiegsqualifizierung ja auch ein Instrument, langsam an die Ausbildung heranzuführen. Sie versuchen sich ein Jahr lang ausschließlich an praktischen Übungen. Unsere Erfahrung zeigt, dass weit über zwei Drittel der so geförderten Jugendlichen in eine reguläre Ausbildung wechseln können.

Abschließend noch ein Blick aufs Große und Ganze: Was erwartet der Zentralverband des Deutschen Handwerks mit Blick auf Aus- und Weiterbildung vorrangig von der deutschen Politik?
Kentzler:
Wenn die Zahl der Schulabgänger sinkt, müssen die verbleibenden Absolventen schulisch besser vorgebildet sein. Sie brauchen auch schulbegleitend ausreichend Projekte zur Berufsorientierung. Außerdem erwarten wir, dass der Trend zur Akademisierung nicht weiter befördert wird. Die Feststellung der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung im Deutschen Qualifikationsrahmen war dazu ein erster, wichtiger Schritt.

Bei welchen Plänen der EU fühlt sich der ZDH unbehaglich?
Kentzler:
Derzeit wird in der EU-Kommission gern der Deregulierung um jeden Preis das Wort geredet. Damit sollen grenzüberschreitende Tätigkeiten in allen Berufen möglich werden. Qualifikationsunterschiede werden ausgeblendet. Das ist fatal, denn es bedeutet die Abkehr vom Lissabon-Prozess. Wir brauchen eine möglichst hohe Qualifikation im beruflichen Sektor, um im globalen Wettbewerb mithalten und die Arbeitslosigkeit, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit niedrig halten zu können. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Spanien oder Portugal sich intensiv für die duale Ausbildung interessieren; dass US-Präsident Obama unsere deutsche berufliche Bildung als Beispiel anpreist; dass in Großbritannien die Abschaffung der beruflichen Ausbildung bereut und Deutschlands Weg gelobt wird. Ein EU-Projekt wie BUILD UP Skills zeigt dagegen, dass gemeinsame Anstrengungen der EU-Länder, hier auf dem Sektor Energiewende, die Qualifikation europaweit verbessern können.

Welche Entwicklungen auf EU-Ebene begrüßen Sie dagegen?
Kentzler:
Das Prinzip „Think small first“ hilft – richtig angewandt – unseren Betrieben zur Teilhabe an der Förderung der Europäischen Union. Beispielsweise ist das Handwerk weit vorne, wenn es um Innovationen, ja auch wenn es um Forschung geht. Tüftler haben Tradition bei uns! Doch wenn aufgrund der Betriebsgröße eine eigene Abteilung für die Abwicklung der EU-Bürokratie fehlt, dann ist es gut, wenn die Kommission die Hürden für kleine Betriebe ganz niedrig hält.  Doch daran muss man sie jedes Jahr erinnern!

Interview: Ruth Kaiser, Prof. Dr. Arnim Kaiser

Quelle: ZDH