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Kentzler: „Mehr Berufsorientierung – auch an Gymnasien“

Zum Stichtag 31. 12. 2012 waren im Handwerk nach den Meldungen der Handwerkskammern 149.700 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen worden. Im Westen wurde ein Minus von – 3,4 Prozent verzeichnet, im Osten von – 6,7 Prozent.  

Das Ergebnis in Ostdeutschland ist bedingt durch die demografische Entwicklung mit einem über Jahre dramatischen Rückgang der Schulabgängerzahlen und damit der Ausbildungsplatzbewerber. In den alten Bundesländern ist die Entwicklung regional sehr unterschiedlich, bis auf die Stadtstaaten Hamburg und Bremen ist aber überall ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Freie Ausbildungsplätze gibt es in allen Regionen und in zahlreichen Berufen. 15.000 unbesetzt gebliebene Ausbildungsplätze zählen die Handwerkskammern zum Jahresende.

Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung stellt ZDH-Präsident Otto Kentzler fest: „Wir brauchen mehr Berufsorientierung, auch an den Gymnasien.“

Bringen Jugendliche heute schlechtere Voraussetzungen für die Ausbildung mit?

Kentzler: Zwölf Jahre nach PISA machen sich die Defizite im System der allgemeinbildenden Schulen beim Übergang in die berufliche Ausbildung weiterhin bemerkbar. Gerade in den Städten finden sich Schulabgänger mit schwachen Abschlüssen, ohne Berufsorientierung und vielfach gering ausgeprägten sozialen Kompetenzen. Sie benötigen verstärkt individuelle Hilfen. Der Beratungsaufwand der Handwerkskammern und der Unterstützungsbedarf durch die Ausbilder haben sich zuletzt dadurch deutlich erhöht.

Warum ist das so?

Kentzler: Aus meiner Erfahrung als Ausbilder weiß ich, dass die jungen Leute heute nicht dümmer sind als früher. Sie brauchen eine Orientierung in unserer so komplexen Welt, und sie brauchen Ziele. Da müssen die Familien und die Schulen sie unterstützen.

Versagen nicht auch die Betriebe? Viele brechen die Ausbildung ab.

Kentzler: Zahlreiche Handwerkskammern beobachten, dass Ausbildungsverträge vermehrt von Seiten der Betriebe aufgelöst werden. Oft sind unentschuldigte Fehlzeiten der Grund. Unsere Betriebe bieten auch schwächeren Jugendlichen jede Unterstützung: Nachhilfe für die Schule, intensives Üben im Betrieb, Coaching durch ehemalige Mitarbeiter. Bei Disziplinlosigkeiten, etwa wenn Jugendliche  einfach nicht mehr kommen und die Eltern hier nicht eingreifen, sind sie jedoch machtlos. Gibt es andere Gründe für die Vertragslösung, können die Handwerkskammern meist erfolgreich einen neuen Betrieb vermitteln.

Es gibt aber immer noch Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Was tut das Handwerk für diese?

Kentzler: Vor einigen Jahren haben wir im Herbst noch Nachvermittlungsaktionen für hunderte Bewerber durchgeführt. Heute sitzen die Berater mit jedem Interessierten individuell am Tisch und unterbreiten ihm eine ganze Angebotspalette. Wer das Rüstzeug für eine Ausbildung noch nicht mitbringt, muss aber auch nicht unbedingt zurück auf die Schulbank. Die Einstiegsqualifizierung, eine Art „Schnupperlehre“ im Betrieb, ist das Richtige, wenn  der Bewerber lieber praktische Erfahrungen sucht. 70 Prozent der Absolventen finden anschließend in reguläre Ausbildung.

Muss das Handwerk um ausreichenden Nachwuchs bangen?

Kentzler: Wenn die Situation so schlecht bliebe, bestimmt. Wir haben 2012 mit 15.000 frei gebliebenen Lehrstellen so viele wie noch nie registriert. Aber wir haben auch gute Nachrichten: Neue spannende Arbeitsfelder wie rund um Energiewende und Elektromobilität locken Jugendliche, moderne Berufe und familienfreundliche Arbeitsbedingungen machen das Handwerk für junge Frauen interessant, duale Studiengänge und berufliche Aufstiegsmöglichkeiten erschließen das Potenzial der Abiturienten, die sich in der Praxis bewähren wollen. Und vor allem: Die Bemühungen der Haupt- und Realschulen um Berufsorientierung für ihre Schülerinnen und Schüler nehmen zu, oft in Zusammenarbeit mit dem Handwerk.  Dieses Engagement brauchen wir auch von den Gymnasien. Ich bin sicher, dass das in wenigen Jahren wirken würde.